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BIM auf dem Prüfstand

Cornel Gaudlitz über seine Erfahrungen beim BIMiD-Referenzprojekt

gaudlitz

Planung und Bau des neuen Bürogebäudes der Volkswagen Financial Services AG in Braunschweig ist eines der zentralen Referenzprojekte des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützten Forschungsprojekts BIMiD (BIM-Referenzobjekt in Deutschland). Koordiniert vom Fraunhofer Institut für Bauphysik IBP wird der gesamte Planungs- und Bauprozess evaluiert und dokumentiert, um Effizienz- und Qualitätssteigerungen aus Sicht der verschiedenen Beteiligten zu ermitteln. Die Initiative will Standards und Referenzprozesse entwickeln und damit BIM in der mittelständisch geprägten deutschen Bauwirtschaft vorantreiben.  Das Wolfsburger Büro Gaudlitz Architekten GmbH war mit der Planung des fünfgeschossigen Büro- und Schulungsgebäudes B11 beauftragt, das im Dezember 2016 fertiggestellt wurde. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Cornel Gaudlitz.

Computer Spezial: Die Planung des B 11 in Braunschweig war auch Ihr erstes durchgängiges BIM-Projekt. Wenn Sie zurückblicken, welche Erfahrungen haben Sie im Verlauf dieses Projektes gemacht? Was war neu, was war anders?

Cornel Gaudlitz: Die Ausführung des Projekts durch die Baufirmen erfolgte für den Teil der Objektplanung nach unseren Plänen. Wir waren verantwortlich für die Leistungsphasen 1-5 sowie für wesentliche Teile der Leistungsphasen 6 und 7. In der ersten Entwurfsphase unterschied sich die Arbeit zunächst nur wenig von anderen Planungen unseres Büros. Wir arbeiten seit 1998 mit „ArchiCAD“ und planen alle unsere Projekte so weit wie möglich in 3D. Dabei war BIM nicht wirklich ein Thema. Oder besser gesagt: Das „B“ und das „M“ waren da, das „I“ wurde erst während des Projektes eine wichtige Größe. Da haben wir viel dazu gelernt. Die Umstellung auf eine andere Arbeitsweise wurde schnell spürbar, als viele Parameter erheblich früher als üblich festgelegt werden mussten. Wir Architekten denken ja im Entwurf zunächst in Formen und Räumen – Bauteile und Baustoffe spielen zu diesem Zeitpunkt noch keine so große Rolle. Das war hier anders. Bedingt durch die integrierte Planung mussten relativ früh verbindliche Aussagen getroffen werden. Die Entscheidung beispielsweise, ob einzelne Wände, Decken oder Stützen als Betonhalb- oder Betonvollfertigteil oder in Ortbeton gefertigt werden sollten, wurde aufgrund der vernetzten Planung mit den Statikern früh getroffen.

Computer Spezial: Schlagen sich denn diese früher getroffenen Entscheidungen in wesentlich mehr Aufwand in den ersten Leistungsphasen nieder?

Der zusätzliche Zeitaufwand ist doch recht überschaubar, wenn konsequent in einem CAD-Programm in 3D geplant wird. Das heißt, wir beginnen schon bei den Volumenkörpern in „ArchiCAD“ z.B. im Städtebau. Oder anders ausgedrückt: wenn wir mit dem Bleistift zu Ende gedacht haben, beginnen wir gleich mit 3D in der Software. Dabei legen wir Wert darauf, dass wir von der ersten digitalen Entwurfsskizze bis zur fertigen Ausführungsplanung ein und dieselbe Software verwenden.

Computer Spezial: Die Notwendigkeit, Entscheidungen sehr früh zu treffen – bedeutet das nicht Einschränkung der Kreativität und Gestaltungsfreiheit?

Cornel Gaudlitz: Nein überhaupt nicht – ganz im Gegenteil! Jede Planung ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Und umso schneller ich einzelne Parameter festlege, umso besser, konsequenter und schneller geht die Planung voran. Nun bin ich auch Bauhaus-Schüler. „Form follows Function“ – das ist für meine Arbeit eine unumstößliche Maxime. Architektur darf nie Selbstzweck sein. Deshalb kommt mir persönlich diese Arbeitsweise sehr entgegen.

Computer Spezial: Frühe Entscheidungen waren auch vom Bauherren gefordert. Wie funktionierte die Abstimmung mit der VW Financial Service AG?

Cornel Gaudlitz: Sehr gut! Der Bauherr ist den Weg mitgegangen; und ganz sicher ist es eines der durchweg positiven Ergebnisse des Referenzprojektes, dass mit BIM eine erheblich größere Klarheit und Transparenz in die Kommunikation zwischen Bauherren und Planern gebracht wird. Die Möglichkeiten der Visualisierung, die ein intelligentes 3D-Modell bietet, spielen dabei eine überragende Rolle. Nicht nur, dass sich Ideen und Vorstellungen besser erklären lassen, der Bauherr hat darüber hinaus quasi eine optische Kontrolle über Kosten und Termine, wenn auf das 3D- ein 5D-Modell aufgesetzt wird.

Einen Aha-Effekt für Planer und Bauherren gleichermaßen gab es bei zwei Besprechungsterminen im „Immersive Engineering Lab“ des Fraunhofer Instituts in Stuttgart. Mithilfe eines mehrseitig, großflächigen Stereoprojektionssystems konnten wir uns virtuell in dem Gebäude zu bewegen und dabei über Detailfragen diskutieren. Diese Möglichkeit besteht in einem „normalen“ BIM-Projekt zwar nicht, aber auch dann sind die Visualisierungen, die eine durchgängige Planung im 3D-Modell ermöglicht, von großem Wert.

Um das Gebäude und die Pläne sehr viel besser begreifbar zu machen, haben wir das Gebäudemodell an BIMx übergeben. Ein überschaubares und für jedermann verständliches Kommunikationsmittel. Denn es verbindet das 3D-Modell, durch das man auf dem Tablet hindurchgehen kann, mit den 2D-Plänen, ja mit der gesamten Plandokumentation. Beim Projekt B11 waren es über 300 Pläne. Ich konnte ohne Ordner aber mit meinem Tablet auf die Baustelle gehen und den Bauhandwerken mit BIMx in 2D und 3D zeigen, was zu tun ist.

Computer Spezial: Wie sah die Zusammenarbeit mit den Fachplanern aus? Stichwort „Open BIM“ – Realität oder doch eher Zukunftsmusik?

Cornel Gaudlitz: Ich sehe keine Alternative zu Open BIM – auch wenn noch nicht alles hundertprozentig klappt. Die leider immer noch gängige Praxis, ein intelligentes Architekturmodell in der Zusammenarbeit mit der Tragwerksplanung oder der Haustechnik wieder per DWG auf Linien und Schraffuren „runterzubügeln“, ist unsinnig und ineffizient. Welche Vorteile der intelligente, modellbasierte Datenaustausch via IFC hat, davon konnten wir uns während des Projektes überzeugen. Keine doppelte Dateneingabe: das bedeutete Zeitersparnis und geringeres Fehlerrisiko. Kollisionen konnten frühzeitig erkannt und vermieden werden. Auch die Arbeit mit Referenzmodellen – für uns zunächst ungewohnt – klappte gut. Es gab freilich auch einige Themen, die wir zu lösen hatten. In erster Linie geht es um den IFC-Export aus einem Programm und den IFC-Import in ein anderes. Dazu bedarf es noch einiger Arbeit an den genauen Einstellungen der Export- und Import-Filter. Am wichtigsten ist, dass BIM-gerecht modelliert wird.

Insgesamt überwiegen die positiven Erfahrungen. Die Vorteile, die integrierte Planung sowohl für den Architekten als auch für den Fachplaner bringt, sind überzeugend. Für Open BIM spricht auch, dass jeder Planungspartner mit der Software seiner Wahl arbeiten kann.

Computer Spezial: Der Bauherr ist hochzufrieden mit den bisherigen Ergebnissen des Referenzprojektes und auch Ihre Bilanz ist positiv. Was leiten Sie aus diesen Erfahrungen für die künftige Arbeit Ihres Büros ab?

Cornel Gaudlitz: Die Entscheidung, dass Gaudlitz Architekten weiter mit BIM arbeiten werden, steht fest. Denn auch für uns Architekten – das hat das Referenzprojekt sehr deutlich gemacht – ist es ein immenser Mehrwert, Daten zu generieren, die während des ganzen Planungs- und Bauprozesses weiter eingesetzt und verarbeitet werden können. BIM macht unsere Arbeit wesentlich effizienter. Daher stellt sich überhaupt nicht die Frage ob BIM oder ob nicht, vielmehr arbeiten wir daran, den BIM-Workflow in unserem Büro zu verbessern und zu intensivieren.

Computer Spezial: Was empfehlen Sie Ihren Berufskollegen. Worauf kommt es an beim Umstieg auf BIM-gestützte Planungsprozesse?

Cornel Gaudlitz: Voraussetzungen für den erfolgreichen Umstieg ist selbstredend die konsequente 3D-Planung. Darüber hinaus muss der Architekt im Team planen können. Die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen beginnt früher und ist intensiver. Das Wichtigste und Schwierigste beim Umstieg ist das Umdenken. Und das gelingt ganz sicher nicht von heute auf morgen. Ich finde in diesem Zusammenhang den Hype Zyklus von Gartner sehr treffend.

Der Hype Zyklus von Gartner

Der Hype Zyklus von Gartner

Computer Spezial: Und wo befindet sich das Büro Gaudlitz jetzt auf der Kurve?

Cornel Gaudlitz: Wir sind gerade auf dem Pfad der Erleuchtung und nähern uns dem Plateau der Produktivität.

Computer Spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Das Gespräch für Computer Spezial führte Angelika Keitsch, Berlin.

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