Top

Kategorien: Aktuell

planen-bauen 4.0

Wegbereiter für BIM in Deutschland

Führende Verbände und Institutionen aus der komplexen Wertschöpfungskette Bau haben im Februar 2015 die „planen-bauen 4.0 – Gesellschaft zur Digitalisierung des Planens, Bauens und Betreibens mbH“ gegründet. Die Gesellschaft wird von den Gründern als nationale Plattform, als Kompetenzzentrum und als der Gesprächspartner im Bereich der Forschung, Regelsetzung und Marktimplementierung verstanden und übernimmt die Rolle der Wegbereiterin bei Einführung von Building Information Modeling (BIM), d.h. von digitalen Geschäftsprozessen in der Bauwirtschaft in Deutschland. Die beiden Geschäftsführer Dr. Ilka May und Dipl.-Ing. Helmut Bramann äußerten sich zu den Zielen der Gesellschaft.

Dr. Ilka May und Dipl.-Ing. Helmut Bramann, die beiden Geschäftsführer der planen-bauen 4.0 GmbH

Computer Spezial: Was waren die Beweggründe für diesen Zusammenschluss der Bau- und Immobilienbranche in einer Gesellschaft und was sind die Ziele der Gesellschaft?

Helmut Bramann: Dass es gelungen ist, die Interessen eines so großen Wertschöpfungsbereiches der deutschen Wirtschaft  auf ein gemeinsames Ziel „Zukunft zu gestalten“ zu verpflichten, ist historisch. Dies sehen übrigens nicht nur die engagierten Trägerverbände, -kammern und -unternehmen so. Mit dem Staat, insbesondere dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und an dessen erster Stelle Herr Minister Dobrindt, haben wir starke Partner an unserer Seite.

Es ist allerdings auch höchste Zeit, dass wir uns in Deutschland mit den Möglichkeiten moderner Techniken wie Building Information Modeling (BIM) befassen. In standortgebundenen Industrien haben moderne Informations- und Kommunikationstechniken schon längst Einzug gehalten. Wir stecken mitten drin, im digitalen Zeitalter. Das sollten wir nutzen und auch im Bereich Planen, Bauen und Betreiben lernen, mehr in Wertschöpfungsketten zu denken und unsere Prozesse entlang dieser Ketten zu optimieren. Darin liegt eine große Chance, für alle Beteiligten.

Computer Spezial: Wo sehen Sie das Potential?

Dr. Ilka May: Während der Planungs- und Realisierungsphase eines Bauprojekts sehen wir deutliche Effizienzsteigerungen durch bessere Koordination der Fachplanungen und schnellere und bessere Analyseverfahren. Visualisierungen in 3D sorgen für ein besseres Verständnis des geplanten Bauwerks und helfen Einsparpotenziale während des Betriebs zu identifizieren sowie Risiken zu reduzieren. Die Verknüpfung von Planungsdaten mit Terminplänen und Kosten hilft besonders Projektmanagern und Steuerungsinstanzen bei der Durchführung des Projekts.

Um das volle Potential von BIM ausschöpfen zu können, müssen wir aber über die Realisierungsphase eines Bauprojekts hinaus denken. Wir müssen Wege finden die digitale Technologie und die damit gekoppelten Prozesse zu nutzen um mehr Kapazität und Leistungsfähigkeit unserer Bauwerke und unserer Infrastruktur zu erzielen – und das ohne mehr investieren zu müssen und mehr Ressourcen zu verbrauchen. Um das zu erreichen müssen wir die Verfügbarkeit unserer Bauten für die Nutzer maximieren und ihre Leistung mit Hilfe digitaler Daten beobachten, damit wir Probleme frühzeitig erkennen können. Die gewonnenen Erkenntnisse über das tatsächliche Verhalten unserer Bauwerke müssen dann wieder in die Planung der nächsten Generation von Bauwerken einfließen. Darüber hinaus sollten wir die Ziele der Wertschöpfungskette Bau mit anderen Strategien und Zielsetzungen in Deutschland verknüpfen, wie etwa der Digitalisierung der industriellen Produktion durch den Maschinenbau. Dadurch können wir noch größere Hebelwirkung im Markt erreichen, denn beide Initiativen, planen-bauen 4.0 und Industrie 4.0, stützen sich gleichermaßen auf Ziele der Nachhaltigkeit, wie Energie- und Ressourceneffizienz sowie Lebens- und Arbeitsqualität.

Computer Spezial: Birgt die fortschreitende Nutzung digitaler Techniken auch Risiken?

Helmut Bramann: Innovationen bedeuten immer auch Marktveränderungen. Klassische Rollenverteilungen, Geschäftsmodelle und Aufgabenprofile können sich verändern, neue Jobprofile und Qualifikationen sich entwickeln. Wie muss ich mich anpassen um weiter Erfolgreich zu sein? Bei so manchem traditionell arbeitenden Architekturbüro oder Baubetrieb können da durchaus Vorbehalte entstehen. Kann man die technologische Entwicklung und damit verbundenen Aufwand an Hardware, Software, Schulungen und Kenntnissen überhaupt  aufnehmen und umsetzen ? Auf Planer kommt mehr Aufwand in frühen Leistungsphasen und in der Projektvorbereitung zu, der auch bezahlt sein will. Mancher Bauausführende beklagt gegebenenfalls Überforderung bei der Vertragsprüfung, reduzierte Nachtragsmöglichkeiten. Angemessene Änderungen in der HOAI, die Entwicklung neuer fairer Vertragsmodelle ist deshalb umso wichtiger. Gebraucht werden klare Anforderungen an den Markt, einheitliche, offene Standards, die die Marktteilnehmer nicht überfordern oder übervorteilen. Die notwendige Veränderungen müssen wir schrittweise vornehmen sowie aktiv begleiten und steuern.

Computer Spezial: Es gibt auch viele kritischen Stimmen zu BIM, was sagen sie dazu?

Helmut Bramann: Die Frage ist doch, wollen wir künftig „partnerschaftlich“ oder wie bisher „partikular“ agieren? Wer hier Bedenken hegt, der sollte einmal intensiv darüber nachdenken, ob er wirklich an unseren heutigen Marktkonstellationen in Deutschland weiter festhalten will, die zunehmend von einem Gegeneinander der Beteiligten geprägt sind. Die Profitabilität ist in den letzten Jahrzehnten für alle Baubeteiligten gesunken, Baustreitigkeiten steigen immer weiter an, Planungs- und Baukosten explodieren während Qualitätskriterien wie „Terminsicherheit und Budgeteinhaltung“ leiden. So kann es nicht weitergehen. Ich bin deshalb felsenfest überzeugt, dass sich BIM als wesentlicher Baustein zu einer partnerschaftlicheren Alternative auch in Deutschland durchsetzen muss und wird. Darin liegt für uns eine Chance.

Computer Spezial: Brauchen wir in Deutschland ein Mandat für BIM wie beispielsweise in England?

Dr. Ilka May: Sie sprechen die im Mai 2011 veröffentliche Regierungsstrategie Großbritanniens an, BIM ab 2016 auf allen staatlichen Bauprojekten anzuwenden, übrigens auch in der Instandhaltung, nicht nur im Neubau. Um die Frage zu beantworten müssen wir uns fragen, was denn dieses „Mandat“ in England eigentlich bedeutet. Der größte Auftraggeber in England, die öffentliche Hand, hat in 2011 verkündet, nach welchen Regeln und Prozessen sie ab 2016 Bauprojekte vergeben und durchführen wird. Damit hat die Regierung einerseits dem Markt fünf Jahre Zeit gegeben sich auf die Neuerungen vorzubereiten. Andererseits haben die öffentlichen Auftraggeber – für Straße, Bahn, Verteidigung, Umwelt, Erziehung, etc. – die Zeit genutzt sich selber zu schulen und mit neuen Technologien und Methoden vertraut zu machen.

Wie Sie vorhin schon selber sagten, in Deutschland, und übrigens auch den anderen europäischen Ländern außer England, gibt es kein einheitliches Verständnis von  BIM. Worauf soll sich der Markt einstellen? Die Unsicherheit blockiert momentan den Wandel. In Deutschland ist die Öffentliche Hand ebenso wie die Wertschöpfungskette Bau sehr kleinteilig strukturiert. Wichtiger als ein Mandat sehe ich daher klare und einheitliche Anforderungen der Auftraggeber, wie in Zukunft geplant, gebaut und betrieben wird. Das wird den entscheidenden Impuls für den Markt geben.

Computer Spezial: Was sind die konkreten Aufgaben der Plattform und wo setzen Sie die Prioritäten zu Beginn?

Helmut Bramann: Die Gesellschaft wurde am 20. Februar 2015 gegründet und befindet sich derzeit noch in einer Aufbauphase. Derzeit werden noch weitere interessierte Organisationen und Unternehmen aufgenommen. Wir bauen Arbeitsstrukturen auf und suchen vor allem auch noch einen Vollzeitgeschäftsführer.

Als Interimsgeschäftsführung ist derzeit unser Ziel, Marktpräsenz und Öffentlichkeitswirkung aufzubauen. Im DIN engagieren wir uns bereits, um zunehmende europäische und internationale Normungsaktivitäten zu spiegeln und sind an anderer Stelle bereits bestrebt, bislang partikulare BIM-Aktivitäten zu bündeln und die Vertretung Deutschlands in internationalen Initiativen zu gewährleisten.

Von der  Gesellschaft wird die Bearbeitung zahlreicher Aufgaben erwartet, beispielsweise die Begleitung von Pilot- und Referenzbauvorhaben, Wissensvermittlung zum Thema Digitalisierung in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Mitwirkung bei der Weiterentwicklung von BIM-kompatiblen Vertragsmustern. Geplant ist auch die Entwicklung von Richtlinien zur Sicherstellung der Qualität in der Bereitstellung von Software, Produkten und Dienstleistungen und deren Zertifizierung sowie die Einwerbung, Vergabe und Verwaltung von Fördermitteln und Forschungsgeldern zu Projekten im Bereich digitales Planen, Bauen und Betreiben.

Hier freuen wir uns auf spannende Gestaltungsmöglichkeiten in einer zentralen Rolle für die gesamte Wertschöpfungskette.

Computer Spezial: Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg.

Computer Spezial